"Überall, wo die Europäische Union ist, herrscht Frieden"

Strategische Ziele erreicht- der Rest: Schlimmer!

Der Krieg gegen Afghanistan ist noch keine zwei Jahre her. Er scheint schon vergessen zu sein. Nur, wenn Bundeswehrsoldaten ihr Leben verlieren, kehrt der Krieg in die Erinnerung zurück- für kurze Sendeminuten. Dabei ist es doch interessant zu sehen, ob sich die lauthals verkündete Strategie "Demokratie per Bombenwurf" in der Praxis bewährt. Ein Artikel von Joseph Steinbeiß gibt uns einen Einblick in das erste "Demokratieprojekt" der Bush-Gruppe.

"Afghanistan ist für westliche Medien kein Thema mehr. Wie von Zauberhand ist das Land am Hindukusch von der publizistischen Landkarte geschwunden. Geblieben sind Erinnerungen an Bilder jubelnder Menschen und neueröffneter Kinos - Bilder eines gewonnenen Krieges. (...)

Besonders in Deutschland profiliert man sich - mit Blick auf Afghanistan - gerne als bessere Alternative zur "Schlag-drauf-Mentalität" der US-amerikanischen Außenpolitik und macht verlorene Stimmen im eigenen Lande gut. Der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Winfried Nachtwei, lobt die "historisch unbelastete" Friedensarbeit des deutschen ISAF-Kontingents in Kabul und schwärmt von "Marktständen, kleinen Werkstätten, ja sogar Fahrradparkplätzen", die er bei seinem Besuch in der Hauptstadt habe bewundern können. Sein Kollege Friedbert Pflüger (CDU) faßte das neuerwachte militärische Sendungsbewußtsein Europas bereits 1999 zusammen: "Überall, wo die Europäische Union ist, herrscht Frieden". (...)

Tatsächlich kann von Frieden in Afghanistan keine Rede sein. Die soziale Situation hat sich seit dem Sturz des Taliban-Regimes kaum verbessert, in bestimmten Regionen des Landes ist sie schlimmer denn je.

Willkür, Bluttaten, Folter, Mord und Vertreibungen sind an der Tagesordnung. Die Lage der Frauen (vor allem in den Nord- und Westprovinzen, aber auch unter den Augen von Nachtweis "historisch unbelasteten" Wunderheilern der ISAF in Kabul) spottet jeder Beschreibung. Das Ende der sunnitisch-fundamentalistischen Schreckensherrschaft der Taliban hat eben jene Kaziken wieder an die Macht gebracht, die schon während des Bürgerkrieges (nach dem Abzug der sowjetischen Truppen) Anfang der neunziger Jahre das Land ein weiteres Mal in Blut tauchten und in einen Flickenteppich unterschiedlicher, konkurrierender Machtsphären verwandelten....

Über die Hälfte des afghanischen Territoriums wird von ehemaligen Kommandierenden der Nordallianz beherrscht, die sich, jeder für sich, ihre eigenen kleinen, quasi-absolutistischen Fürstentümer geschaffen haben, in denen sie schalten und walten, wie es ihnen beliebt.

Aber auch die von westlichen Medien so beredt gefeierte Befreiung der afghanischen Bevölkerung von islamistischer Gängelung gehört mittlerweile der Vergangenheit an.... Auch in der Hauptstadt Kabul hat die Wiedereinführung des "Departements für islamische Weisung", einer nur wenig getarnte Zweitausgabe des berüchtigten Ministeriums der Taliban "zur Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters", den dürftigen Liberalisierungen des öffentlichen Lebens - vor allem für Frauen - ein rasches Ende gesetzt. (...)

So erfreulich es ist, daß der Terror der Taliban ein Ende gefunden hat, so wenig hat dieses Ereignis den Menschen selbst genutzt. Der Traum von der hilfreich und ordnend eingreifenden westlichen Militärmacht ist eine Propagandalüge. Die Situation in Afghanistan liefert den stichhaltigsten Beweis. Der Krieg hat tausende von Menschenleben gekostet, das Land weiter verwüstet und das soziale Gefüge vollends zerrüttet. Strategische, ökonomische und propagandistische Ziele der USA wurden ohne Zweifel erreicht, und Europa ist einen großen Schritt weiter auf dem Weg der Militarisierung seiner Außenpolitik. Afghanistan aber schlittert zurück in blutige Vielstaaterei und ein terroristisches, staatlich verordnetes Frömmlertum. Wer eine solche Entwicklung als "Befreiung" feiern will, mag dies tun."
28.06.2003