Afghanistan und der Drogenhandel:

Das gute Drogengeld der guten Verbündeten

Anfang Juni dieses Jahres teilte die UN mit, Afghanistan sei mittlerweile wieder weltgrößter Produzent von Opium. Schon im ersten Jahr unter US-Besatzung hatte afghanisches Rohopium wieder 75 Prozent der Weltproduktion errreicht. Die UNO schätzt die Ernte im Jahr 2002 auf 3400 Tonnen. Bei einer Bevölkerungszahl von rund 25 Millionen leben schätzungsweise 3,3 Millionen Afghanen vom Mohnanbau. Aber das ist nur die Oberfläche.

Schon zwei Wochen vorher wandten sich einige namhafte US-Politiker (die wenigen, die auch während des Irak-Kriegs der "Patriotismus"-Front widerstanden), in einer Anzeige in der Washington Post an die Öffentlichkeit der USA. Unter der Überschrift "Drogen" heißt es da: "Vor dem 11. September gab es keine Opium-Ernte in Afghanistan. Nach Berichten der New York Times, ABC und der DEA, der amerikanischen Drogenbehörde, wurde die Drogenproduktion vor dem 11. September durch die Taliban zerstört. Nach der Besetzung Afghanistans ist das Land, ausgehend von Gebieten, die vom CIA und US-Truppen kontrolliert werden, wieder zum weltweit führenden Opiumproduzenten aufgestiegen. Diese Tatsache bedeutet, dass dem Weltbanksystem wiederum etwa 200 Milliarden US-Dollar Bargeld zur Verfügung steht."

Im Independent schreibt Robert Fisk zum Bericht der UN: "Die meisten westlichen Presseprodukte breiteten gnädig den Mantel des Schweigens darüber. Während ihrer rücksichtslosen Herrschaft hatten die verhassten Taliban den Anbau des Schlafmohns verboten. Die Warlords der Nordallianz waren damals von ihrer Drogenproduktion abgeschnitten. Aber seit die Amerikaner die Taliban "erfolgreich" vertrieben haben, gehen die Drogenbarone (es sind exakt die Typen von der Nordallianz, die mit den USA im "Krieg gegen den Terror" verbündet waren) wieder ihrem Geschäft nach. Kein einziger US-Offizieller ist so mutig, diese schandbare Tatsache zu kommentieren. Was für ein Denkmal für die tausenden Opfer des 11. September 2001 - des internationalen Verbrechens gegen die Menschlichkeit."

Was machen die Politiker? In Paris fand Ende Mai eine Außenministerkonferenz über den Drogen-Export aus Afghanistan statt. Mehr als 50 Staaten waren vertreten. Herausgekommen ist mal wieder wenig. Es wurde nur die vage Idee einer "multilateralen operativen Strategie gegen den Drogen-Handel" ventiliert. Warum so kompliziert? Warum nicht das Problem an der Wurzel packen und den Anbau in Afghanistan unterbinden? Experten rechnen vor: Da die Mohnbauern in Afghanisatn tatsächlich nur einen Bruchteil des Marktpreises bekommen, würden 100 bis 150 Millionen Dollar völlig ausreichen, um die gesamte afghanische Jahresproduktion an Rohopium aufzukaufen und zu vernichten. An Geld sollte es nicht scheitern (für die Summe kann man grad mal einen mittleren Krieg einen Tag lang führen). Mit etwas mehr Geld könnt man den afghanischen Bauern sogar auf Dauer gleichwertige und ebenso einträgliche Alternativen ermöglichen, sofern man eine solche Kampagne in ein schlüssiges Entwicklungskonzept einbetten kann.

Der Mohnanbau im großen Stil ist keine "afghanische Tradition". Die Massenproduktion für den internationalen Drogenmarkt wurde erst nach 1979 durch die afghanischen Kriegsfürsten veranlaßt, die mit dem Drogengeld ihre Waffenkäufe in den USA finanzierten- für den Kampf gegen die UdSSR, versteht sich. Mit dem Taliban-Regime ging es mit dem Mohnanbau bergab. Nach der Vertreibung der Taliban hatten die Warlords wieder freie Hand- bis heute.

Natürlich ist der Mohnanbau nur eine Facette des Problems. Aber sie macht eines ganz deutlich: Die westlichen Besatzer sind an der Entwicklung des Landes nur wenig interessiert. Hauptsache es herrscht Ruhe. Wir lesen in der Neuen Züricher Zeitung am 10. Juni 2003: "In guten Zeiten hätte auch dieses grosse Preisgefälle (zwischen Mohn und Weizen) nicht genügt, um die Bauern vom Sinn des Anbaus eines Giftes zu überzeugen, das auch religiös geächtet wird. Doch nach drei Jahren Trockenheit, die viele Familien zum Verkauf von Hausrat, Werkzeugen und Land gezwungen hat, um Saaten zu kaufen und zu überleben, erlaubt eine Opiumernte eine rasche Rekapitalisierung."

Politische Konzepte, um den afghanischen Bauern einen Ausweg aus dem Elend zu ermöglichen, haben die Eroberer nicht zu bieten. Warum eigentlich? Da stolpern wir im Internet über einen Beitrag in den Financial Times vom 18.2.2002: Darin wird berichtet, dass die amerikanische Regierung Aufrufe verschiedener Vertreter europäischer Regierungen zur Zusammenarbeit gegen den Opiumanbau in Afghanistan schlichtweg ignoriert. Und es werden europäische Diplomaten zitiert, die das Desinteresse der US-Regierung darauf zurückführen, dass afghanisches Heroin vorwiegend nach Europa geliefert wird und kaum in die USA. Dort landen eben nur die Dollars.

Gerade in Afghanistan zeigt sich immer deutlicher, dass die westliche Bombenpolitik nicht ein einzige Probleme lösen kann. Sie schafft vielleicht geopolitische Macht (zumindest für kurze Zeit). Vor allem erzeugt diese Politik mit dem militärischen Holzhammer eine Vielzahl neuer sozialer und politischer Probleme, deren Auswirkungen noch gar nicht abzuschätzen sind.

Wie heißt doch gleich die Prüfungsfrage für die Aufnahme in den NATO Stabsdienst? "Wieviele Länder haben wir durch Bomben zu Demokratie und Wohlstand geführt? Zutreffendes bitte ankreuzen:
Antwort A: Null?
Antwort B: Keines?
Antwort C: Überhaupt keines?

Ok, Sie können bei uns mitmachen. Sie haben begriffen, worum es geht."
28.06.2003