Riesiges Materialdepot für die US-Armee

Die NATO-Osterweiterung macht Etappe in Dülmen
28.10.2016: Seit Anfang Oktober 2016 hat die US-Armee die Befehlsgewalt über die "Tower Barracks", ein 46 Hektar großes Areal in Dülmen mit 70 Gebäuden wie Lagerhallen, Unterkunfts- und Bürogebäuden und Garagen. Es diente 40 Jahre lang als größtes Materialdepot der britischen Streitkräfte und soll nun zu einem der wichtigsten Materiallager der US-Armee bei der Ostexpansion der NATO werden. Die Öffentlichkeit wird nur nachträglich und tröpfchenweise darüber informiert.

Nach dem Rückzug der Briten im September 2016 ging das Gelände in den Besitz der "Bundesanstalt für Immobilienaufgaben" (Bima) über, welche 2005 gegründet wurde, um bundeseigenen Immobilien möglichst wirtschaftlich zu verwalten. Regionale Pläne für die Verwendung als ziviles Logistikzentrum wurden dort schnell unter den Tisch gekehrt, denn die US-Armee hatte ihr Interesse bekundet. Bima teilte den örtlichen Instanzen lediglich mit, "das Bundesverteidigungsministerium habe den Bedarf der US-Streitkräfte positiv geprüft und damit bestehe eine Verpflichtung des Bundes, diesen in den Tower Barracks umzusetzen". Grundlage dieser Verpflichtung sind das NATO-Truppenstatut, welches seit 1951 den Aufenthalt von NATO-Streitkräften auf dem Gebiet anderer NATO-Staaten regelt. sowie das Zusatzabkommen zum NATO-Truppenstatut von 1959, welches detailliertere Regelungen zu allen Fragen der Stationierung fremder Streitkräfte in Deutschland enthält.

Damit wird das Materiallager zu einer wichtigen Etappe bei der Osterweiterung der NATO. Donald Wrenn, Sprecher der US-Armee: "Wir wollen dort kampffähiges Material lagern, das schnell überall auf dem europäischen Kontinent zum Einsatz kommen kann." Erste Fahrzeuge und weitere Ausrüstung sollen ab Anfang 2017 nach Dülmen gebracht werden. Was an "kampffähigem Material" später folgt, bleibt im Dunkeln. Das "Bundesverteidigungsministerium" zeigte sich für Nachfragen der Dülmener Zeitung nicht zuständig: "Zu Details der geplanten Nutzung wenden Sie sich bitte an die US-Streitkräfte." Nachfragen dort werden nicht beantwortet.

Bürgermeisterin Lisa Stremlau vor der Stadtverordnetenversammlung: "Soweit ich es verstanden habe, geht es im Moment hauptsächlich um ein Depot für Militärfahrzeuge. Munition soll hier aller Voraussicht nach aber nicht gelagert werden.". Die Kennzeichnung als "Depot für Militärfahrzeuge" klingt angesichts der Bedeutung der Einrichtung gelinde gesagt verharmlosend. Die US-Armee interessiert sich für das Gelände in direkter Nähe zur Bundesautobahn A 43, weil es auch mit eigenem Gleisanschluss an die Eisenbahnstrecke Ruhrgebiet -Münsterangeschlossen ist. Dort ist die sogenannte NATO-Speerspitze stationiert, die nach einem "Rapid Action Plan" blitzschnell nach Osteuropa verlegt werden kann. Das Materiallager im benachbarten Dülmen ist also gut geeignet für den schnellen Transport auch schweren Geräts wie bewaffnete und gepanzerte Fahrzeuge Richtung Osten. Dülmen soll mit einem von drei großen Logistikzentralen der US-Armee in Nordeuropa zum strategischen Hinterland für den NATO-Aufmarsch gegen Russland werden.
Aber nur ein Artikel der lokalen Presse erwähnte, dass diese Maßnahme im Rahmen der "European Reassurance Initiative" erfolgt. Diese Initiative soll seit 2014 dafür sorgen, dass die militärische Präsenz der NATO und speziell der US-Truppen auf dem Kontinent ausgeweitet wird. Ihr Budget wurde für 2017 mit 3,4 Millionen US-Dollar gegenüber 2016 vervierfacht. Das soll ermöglichen, mehr Einheiten aus den USA nach Europa rotieren zu lassen, die Kampffähigkeit der Verbündeten und Partner zu verbessern, mehr Kriegsgerät entlang der NATO-Ostgrenze einzulagern und die dazu erforderliche Infrastruktur auszubauen.

Das Ziel sind drei voll bewaffnete Kampf-Brigaden der US-Armee in Europa. Vor allem in Osteuropa sollen dauerhaft amerikanische Truppen, Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge stationiert werden. Das widerspricht allerdings den Vereinbarungen der NATO-Russland-Akte von 1997, keine NATO-Truppen hinter dem ehemaligen "Eisernen Vorhang" zu stationieren. Pentagon-Sprecherin Laura Siegel verrät den Trick, der das trotzdem möglich machen soll: "Wir werden außerdem unsere Fähigkeit demonstrieren und trainieren, schnell Ausrüstung und Personal nach Europa zu verlegen, indem wir dort Personal mit ihrer eigenen Ausrüstung rotieren lassen, das offiziell in den USA stationiert ist. Das wird die modernste Ausrüstung sein, die die Armee gegenwärtig zu bieten hat. Damit wird im kommenden Jahr die weniger moderne Ausrüstung ersetzt, die wir bisher in Europa hatten". Die ältere Ausrüstung, die zuvor in Osteuropa gelagert werden sollte, will man nun in Deutschland, Belgien und den Niederlanden verteilen.

Das alles geht nicht ohne große Materiallager. Es handelt sich bei dem neuen Materialdepot in Dülmen also keineswegs nur um ein Depot, in dem Militärfahrzeuge untergebracht und geölt werden, sondern um einen bedeutenden Teil der militärischen Infrastruktur für die Osterweiterung und Aufrüstung der NATO.
28.10.2016